184 km

Lom - Bøverdal - Sognefjel - Fortun -Gaupne - Nigardsbreen - Gaupne

Nach durchfrorener Nacht, beginnen wir den sonnigen Tag mit einem BB Instantkaffee aus der küchentechnischen Abteilung. Heute wollen wir auf der Westseite durch den Jotunheimen, wo es die höchsten Berge in Norwegen gibt. Wir fahren gemächlich auf Höhe. Tolle kurvige Straßen bereiten bei trockener Straße, das Vergnügen, das Vater des Reisegedanken war.

Es wird wirklich kalt. Das Thermometer fordert neue Batterien und verrät uns dann eine Temperatur von knapp über 1°C. Meine Hände spüre ich schon lange nicht mehr; mit dem Rauchen klappt es aber noch. Durch den Schnee kann man die eigentlichen Gletscherkronen des Jotunheimen nicht ausmachen. Das ist mir in dem Moment aber egal, ich will nur weiter und wieder ins Tal.

Hin und wieder laufen kleine Rinnsale über den Asphalt und ich mache mir schon Gedanken über deren Aggregatzustand. Um den Körperkontakt mit der Straße zu vermeiden fahre ich an diesen Stellen besonders vorsichtig. Dann zerreißt es mich aber doch beinahe. Eine Gruppe Schneemobile haben die Straße überquert und größere Teile der weißen Pracht bringen meinen Vorderreifen ins schwimmen. Mein Bike ist aber offenbar so schwerfällig, daß es nicht einmal bei fehlender Bodenhaftung ins straucheln gerät.

Vor uns tut sich ein riesiges Loch in der Hochebene des Jotunheimen auf. Es ist ein Ausläufer des Sognefjordes, der sich hier in jahrelanger Kleinarbeit ein Lager ins Gebirge gefressen hat. Der Fjord ragt 204km ins Land hinein, und an seiner tiefsten Stelle hat er ein 1308m tiefes Loch in die Erde geschürft. Mit jeder Serpentine wird es wärmer, wir lassen uns, wie schon so oft, aus dem Gebirge auf Meereshöhe fallen. Eine wunderbare Abfahrt durch Obstplantagen. Hier scheint die Natur schon ein wenig weiter zu sein.

Direkt am Fjord finden wir ein Plätzchen für einen Imbiß. Unsere küchentechnische Abteilung soll an dieser Stelle einmal gewürdigt werden. Einer von Raimunds 45 Liter Koffern dient als Behältnis von Tellern, Bikerbechern, Brotdose, Wurst, verschiedenen Käsesorten, Getränken, Nudelvorräten, Besteck, Geschirr ... eben alles was der Mensch außer zwei Rädern und einem vollen Tank zum Leben benötigt. Alles griffbereit in einem Koffer und bis ins Detail organisiert - wenn man nur immer gleich den richtiger Koffer erwischen würde.

Wir fahren noch ein Stück weiter den Fjord entlang und sind schon in Gaupne. Hier mieten wir uns eine Hütte, weil ich mal wieder eine Nacht durchschlafen will, ohne dauernd vor Kälte aufzuwachen.

Eine Hütte für eine Nacht kostet in der Vorsaison ca. DM 70 bis DM 100. Ein Campingplatz für ein kleines Zelt schlägt mit DM 15 bis DM 30 zu Buche. Die Hütte ist allerdings winzig. Es passen gerade zwei Betten und ein Tisch hinein. Fließend Wasser gibt es nicht, aber eine Kochplatte und einen Heizkörper, der allerdings nicht so aussieht, als würde er die großartige Hitze verbreiten. Dusche, WC und Wasser stehen in den Waschräumen zur Verfügung.

Da die Tour heute ausgesprochen kurz war, dürstet es uns noch nach einer Asphaltzugabe. Wir beschließen einen Abstecher zum Nigardsbreen, einer Gletscherzunge des Jostedalsbreen zu machen.

Die Strecke ist unglaublich und daher noch einmal ausführlich unter den Empfehlungen beschrieben. Die letzten paar hundert Meter zur Gletscherzunge sind zu meinem Entsetzen zu Fuß zurück zu legen. Der erste Teil des "Weges" dort hin führt über mehrere Meter hohe, glatte Felsen. Der zweite Teil ist flacher aber deutlich feuchter. Da wir uns auf unsere Stiefel verlassen können geht es mitten durch das Naß.

Die Mächtigkeit des Gletschers kann man auf einem Foto nicht wieder geben. Allein die Abrißkante ist fünf bis sechs Stockwerke hoch - und die ist auf diesem Foto noch nicht einmal zu sehen, da sie hinter der Felskante liegt. In die Gletscherspalten, die hier blau schimmern kann man locker einen Bus hineinwerfen. Wandergruppen sind bereits im unteren Teil nur noch als Pünktchen wahrzunehmen. Der ganze Gletscher hat eine Länge von mehr als 80 km und ist der größte des europäischen Festlandes.

Auf dem Rückweg schleppe ich mich ziemlich fertig über die letzten Felsen, als uns zwei recht betagte Pärchen entgegen kommen von denen ich auch noch einen Spruch über meine Verfassung ernte. Wir setzen uns an einen Tisch in der Nähe des Einstieges, um zu warten. Ich kann einfach nicht glauben, daß die es bis zum Gletscher schaffen. Keine fünf Minuten später sehen wir uns wieder - Zeit für meine Retourkutsche. Nachdem ich nun wieder lächeln kann, gehen wir zum Parkplatz und steigen auf unsere Kräder.

Auf dem Weg in die Hütte kaufen wir noch schnell eine Flasche Cola an der Tanke - für umgerechnet 7 DM. Nachdem wir unsere abendliche Nudeleinheit verschlungen haben, legen wir auf der Terrasse noch ein wenig die Füße hoch und stoßen mit einem BB Cola-Gin an (der Strohrum muß irgendwie verdunstet sein). Zwei Wohnmobile machen sich vor unserer Hütte breit und es pellen sich die beiden Pärchen heraus. Gestern der Regen und jetzt DAS!